Coelacanth

Karl Heinz Jeron • 2017

Klingende Fischskulpturen aus Papier mit elektromagnetischen Feldsensoren bilden eine Klangskulptur. Sie stellen Fragen, wie wissenschaftliche Erkenntnis funktioniert.

Die Galerie wird zum Aquarium: Die Fischskulpturen sind Quastenflossern nachgebildet, die seit seit über 400 Millionen Jahren existieren. Sie verfügen über einen Biosensor für elektromagnetische Felder zur Orientierung in dunklen Meerestiefen. Die Skulpturen erhalten je einen Sensor, der mit elektronischen Mitteln elektromagnetische Felder der Umgeben hörbar macht. Elektromagnetische Felder befinden sich überall, jeder Organismus, aber auch elektrische Geräte, erzeugt sie. Sie bilden damit einen Resonanzraum, der eine akustische Karte von Menschen und Maschinen hörbar macht. Dabei entsteht kein lauter Klangteppich, sondern ein delikates Knistern, das nur für aufmerksame Besucher*innen hörbar ist. Eine leuchtende blaue LED zeigt an, dass die Fischskulpturen aktiv sind.

Quastenflosser galten lange als ausgestorben – die letzten Fossile sind etwa 70 Millionen Jahre alt. Berichte über lebende Quastenflosser wurden als Mythen von Einheimischen betrachtet. Erst 1938 wurden die als „lebende Fossilien“ bezeichneten Fische von Marjorie Courtenay-Latimer an der Ostküste Südafrikas nahe der Mündung des Flusses Chalumna im Indischen Ozean (wieder-)entdeckt.

Die Kryptozoologie versucht Tiere zu finden, für deren Existenz es Hinweise nur in Form von Berichten, Märchen und verschwommenen Fotos gibt. Anthropologen und Zoologen nehmen diese Forschung nicht ernst, weil sie die anerkannten wissenschaftlichen Methoden nicht beachtet.

Manchmal muss die traditionelle wissenschaftliche Gemeinschaft aber Zugeständnisse machen. Wie beim Quastenflosser stellt sich heraus, dass Geschichten und Mythen eine Quelle der Erkenntnis sein können. So beobachtete Alexander von Humboldt im März 1800 auf einer Reise in das Amazonasgebiet, wie Zitteraale aus dem Wasser sprangen und Pferde tödlich angriffen. Lange Zeit wurde dieser Bericht als unglaubwürdig abgetan, bis 2016 Experimente mit den gefährlichen Tieren genau dieses Verhalten zeigten.

Die Arbeit Coelacanth thematisiert damit die Konkurrenz zwischen verschiedenen Formen der Erkenntnis. Er stellt die Sprache der Kunst, die wie die Wissenschaft Komplexität vermittelt, der Wissenschaft gegenüber. Kunst will Wissenschaft verstehen, aber nicht Wissenschaft werden. Es geht um die Vorstellung davon, was gute Wissenschaft ist oder sein sollte.