Horde

Karl Heinz Jeron • 2006

Roboter, Sprachsynthese, Ausdrucke. In Zusammenarbeit miit Dominik Kuropka

 

Horde ist eine Installation, die ebensosehr skulpturales Objekt wie technisches Netzwerk ist. Duzende knapp handtellergroße Apparaturen bewegen sich vibrierend auf einer weiß schimmernden Plattform und senden ein vielstimmiges Konzert sprachlicher Botschaften in den Raum. Was anfangs als Stimmgewirr erscheint, erweist sich bald als Chor enzyklopädischer Fragmente, die verschiedenen Fachtexten zu den Themen Information, Desinformation und Informationsgewinnung entnommen sind.

Horde ist ein symbolisches Welttheater der Informationsüberflutung, in dem die technischen Werkzeuge die Bühne beherrschen. Die Wissensgesellschaft ist hier ein Insektenstaat vernetzter Akteure; ein absurder Chor, der den Überfluss besingt. Was der Künstler hier als Bild verdichtet, ist für Dominik Kuropka, Jerons wissenschaftlichen Partner, Anlass für die Suche nach Lösungsansätzen. Der Wirtschaftsinformatiker, der über Informationsgewinnung und -filterung forscht, überträgt sein angestammtes Instrumentarium auf Jerons verführerische Informationskomödie. Unter Kuropkas Händen entsteht parallel zum Kunstwerk eine alternative Installation. In ihr werden die Wände des Ausstellungsraums zu den Achsen eines Koordinatensystems, in dem sich Jerons Texte rational beurteilen und anordnen lassen. Das künstlerische Rohmaterial erscheint nun nach einheitlichen Kriterien gewichtet als Schar von Dokumenten im Ausstellungsraum. Kuropka destilliert eben jenen Gehalt aus der Kunst, der sich informatisch erfassen lässt und führt dem Publikum ein Exempel wissenschaftlicher Anschaulichkeit und Lösungsorientiertheit vor Augen. Die Ausstellungsbesucher erhalten so die Möglichkeit, abwechselnd die künstlerische und die wissenschaftliche Perspektive einzunehmen und so nicht nur zu erfahren, wie Kunst und Wissenschaft in einen Dialog eintreten können, sondern die Kunst mit Hilfe der Wissenschaft und die Wissenschaft mit Hilfe der Kunst zu entschlüsseln. Statt künstlerischer Science Fiction entsteht so eine Konkurrenz der Perspektiven, anhand derer sich die Frage untersuchen lässt, wie Kunst sich der komplexen und hochspezialisierten Wissenschaft annähern und wie Wissenschaft von den radikal-eigensinnigen künstlerischen Denkweisen profitieren kann: Zunächst durch den Vergleich der jeweiligen Eigenheiten beider Disziplinen.

Künstler und Wissenschaftler interpretieren ihre Kollaboration als Konkurrenz der Weltbilder. Wo der Wissenschaftler mit seiner angestammten Technologie und selbst entwickelten Software-Tools die Informationen zu ordnen versucht, verschärft der Künstler das Chaos. Karl Heinz Jerons Sound-Vehikel tragen zum Rauschen der Information bei, statt es zu mildern. Sie verdichten den Informationsüberfluss, den Dominik Kuropka in seiner Arbeit täglich bekämpft, zum fassbaren räumlichen Bild.

Die Vehikel bewegen sich in Familiengruppen nach einem für die Betrachter nicht nachvollziehbaren, spontan erscheinenden Rhythmus. Der Klang bildet eine an- und abschwellende von unten nach oben aufsteigende Kakophonie der Information und Desinformation.