Kunst im Walde — Brandenburgischer Kunstverein

By Karl Heinz Jeron • 9 Sep 2007

mit Silvia Beck, Stefan Demary, Göran Gnaudschun, Björn Gripinski, Anne Heinlein, Karl Heinz Jeron, Jörg Schlinke, Heidi Sill, Jan Svenungsson, Albert Weis, Tilman Wendland, Olav Westphalen, Maik Wolf

Pressetext:

In einer Phase hitziger Debatten über die zukünftige Kulturpolitik Potsdams wollen wir so ein wenig das Augenmerk auf die künstlerischen Inhalte zurücklenken.

"Kunst im Wald" ist dabei kein Überlebenstraining, aber eine Sammlung von Reaktionen auf die kulturelle Auswilderung. Wer in der Natur sich selbst überlassen wird, bemüht sich um Anpassung oder sucht nach gedeihlichen Lichtungen. Die 13 Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung entscheiden sich mal für die eine, mal für die andere Strategie. Wir laden Sie zu einem Spaziergang durchs Unterholz. Dabei beweist die Kunst wie immer ihren Überlebensinstinkt.

Einer der eindrucksvollsten deutschen Texte zum Verhältnis von Fürsorge und Wildnis, findet sich in der Anfang des 19. Jahrhunderts zusammengetragenen Kinder- und Hausmärchensammlung der Brüder Grimm. Er heißt "Hänsel und Gretel" und schildert Überlebensstrategien zweier wacher und aufmerksamer Zöglinge, die aus materieller Not mitten im Dickicht ihrem Schicksal überlassen werden. Finden sie beim ersten Versuch dieser Liberalisierung elterlicher Fürsorge noch mit strategischem Geschick nach Hause zurück, geraten sie, zum zweiten Mal ausgesetzt, in die Fänge unbarmherziger Verwertungsinteressen. So war der Wald erst in den Märchen, dann in der romantischen Literatur immer ein doppelsinniger Ort. Halb Zuflucht ins Märchenhafte, halb Urgrund der Sehnsucht nach der Rückkehr in den Schoß der Zivilisation.

Die Ausstellung "Kunst im Wald" will diesen Doppelsinn zwischen Selbstversorgung und Hoffnung auf Zuwendung zum Gegenstand einer künstlerischen Erkundung machen, die nicht analytisch und theoretisch angelegt ist, sondern dem Publikum Angebote macht.

Die Besucher finden hintergründige Manipulationen einer populären Kaminzimmergemütlichkeit, Medienrecherchen über Motive naturhafter Schönheit ebenso wie Rekonstruktionen romantischer Waldeinsamkeit mit den zuweilen rohen Hausmitteln der zeitgenössischen Kunst. Von installativen Reflektionen über den Wald und die Zugangspfade, die in ihn hinein und aus ihm hinausführen, bis zu Szenen irrlichternder Süße, die unseren Natur- und Schönheitsbegriff verführerisch auf die Probe stellen, werden sehr verschiedenartige Blickwinkel sichtbar gemacht.

Neben nicht ganz untückischen Popularisierungsprojekten finden sich aber auch militante Strategien - wenn Silhouetten von Handfeuerwaffen an Stelle der Natur die Wildnis darstellen, ein Widerstandsversuch im Unterholz, den die Kultur nicht immer von sich weisen kann. Einige fotografische Ansätze wiederum suchen unabhängig voneinander den Wald an verschiedenen Schauplätzen. Einerseits in der freien Natur, die sich der menschlichen Inbesitznahme halb zu widersetzen und halb anzubieten scheint, andererseits auf den Randterritorien der Zivilisation, auf denen die Architektur zur Wildnis wird oder die (domestizierte) Natur zum Spiegel der Psyche.