November, 2021

Simultaneity

Joachim Blank, Karl Heinz Jeron, Sakrowski

Digitaler Parcours 

Ort : 19 Standpunkte innerhalb des II. Bauabschnitts Karl-Marx-Allee

 

In den 1950er- und 1960er-Jahren gaben Architekt:innen, Designer:innen und Künstler:innen wie Horst Bauer, Josef Kaiser, Fritz Kühn, Regina Junge und Klaus Wittkugel entlang der Karl- Marx-Allee den Utopien der DDR-Moderne eine ästhetische Form. Die für soziale Gleichrangigkeit stehende Architektur des frei fließenden Raums spiegelte Vorstellungen des modernen sozialistischen Systems wider. An avantgardistische Ideen anknüpfend, wie sie in den 1920er-Jahren Le Corbusier oder das Bauhaus formuliert hatten, schufen sie eine von Zukunftsthemen, wie etwa dem Weltraum, inspirierte Umgebung.

Für die digitale Intervention Simultaneity (Gleichzeitigkeit) haben Joachim Blank, Karl Heinz Jeron und Sakrowski einen Parcours mit 19 ausgewählten Punkten zusammengestellt. Auf einer Karte finden sich zu jedem dieser Punkte QR-Codes, über die vor Ort Augmented-Reality-Objekte auf dem Smartphone oder Tablet dargestellt werden können. Der Rundgang führt an repräsentative Orte der Magistrale mit ihren symbolischen Erzählungen. In den Wohngebieten der zweiten Reihe der Karl-Marx-Allee geht es zu eher idyllischen Punkten im Grünen, die zum Verweilen und Spielen einladen und die nicht selten auch einen skurrilen Charakter haben.

In der erweiterten Realität von Simultaneity verbindet sich die Ästhetik des Sozialistischen Realismus mit Game-Design von Computerspielen der letzten 30 Jahre. In der Gegenwart treffen die Relikte der Vergangenheit wie der Sputnik oder das 1991 abgerissene Lenindenkmal auf Figuren wie Lara Croft oder Hulk. Mithilfe von Augmented Reality werden der Öffentlichkeit entzogene Objekte wieder erlebbar. Das Spielgerät Mondstation von Baldur Schönfelder etwa kehrt als virtuelle Skulptur zurück. Ein interaktives Element ermöglicht es Benutzer:innen, Hashtags in den Stadtraum zu projizieren und diese in sozialen Medien zu pu­bli­zieren.

www.simultaneity.xyz

Liminale Gestalten in der vierten Dimension des II. Bauabschnitts

„Überall sehen wir die ‚Eingeweihten‘, die den ‚Uneingeweihten‘ mit einem Augenzwinkern Bleistifte vor die Nase halten und ihnen die Geheimnisse von 3-D erklären.“ Morton Heilig, Cinema of the Future, 1955

1960: Der US-amerikanische Kameramann Morton Heilig erhält das Patent für die Telesphere Mask, das weltweit erste Gerät, das virtuelle Projektionen unmittelbar vor den Augen des Anwenders erzeugt. Simultan dazu findet beim Wiederaufbau Berlins ein Paradigmenwechsel statt – von der Stalinallee im Baustil der nationalen Tradition zur sozialistischen Moderne der Karl-Marx-Allee –, der sich bis heute prägnant im Gebiet zwischen Strausberger Platz und Alexanderplatz ablesen lässt. Der maßgeblich daran beteiligte Architekt Josef Kaiser erklärte am 1. Januar 1960 in der Zeitung Neues Deutschland, dies sei „ein Schritt auf dem Weg zur industriellen Architektur. Sie kann als gelungen gelten, wenn die Werktätigen Berlins und Deutschlands über alle technischen Belange hinaus in ihr ein Abbild der Zuversicht und der Schönheit des Lebens – und auch eine Prise Berliner Luft – erkennen werden.“

2021: Von den Passant:innen meist unbeachtet, steht ein heiliger Berg in der Schillingstraße. Grün glänzend und fließend ist seine Oberfläche und erinnert damit an die drei Grundelemente eines locus amoenus, eines angenehmen Ortes: Bäume, Gras und Wasser – Raritäten in diesem Teil der Stadt. Erlebbar ist diese ungewöhnliche Erhebung nur, wenn das Augmented-Reality-Objekt auf einem Smartphone oder Tablet durch QR-­Codes aufgerufen wird.

Die virtuellen Skulpturen des Projekts Simultaneity von Joachim Blank, Karl Heinz Jeron und Sakrowski reanimieren, idealisieren und erweitern assoziativ Vergangenes, während sie gleichzeitig Zukünftiges kommentieren, karikieren und erhellen. So treiben liminale Gestalten ihr UnWesen­ im II. Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee und in den umliegen­ den Wohnanlagen und Repräsentationsbauten, die sich zum Teil noch immer in einer Übergangsphase von der DDR-Moderne in den postindustriellen Globalkapitalismus befinden.

Die Medienkünstler Blank, Jeron und Sakrowski begeben sich auf eine apophänische Gratwande­ rung zwischen jetziger Realität, sozialistisch-­ utopischer Vergangenheit und den Fantasiewel- ten von Computerspielen. Historische Verweise bis in die Antike hinein lassen sich sowohl in ihrer digitalen Kollektivarbeit als auch bei etlichen bau- zeitlichen Kunstwerken im Gebiet finden: Formen, Techniken und Materialien, die seit Jahrtausen- den im künstlerischen Gebrauch der Menschen sind, wie etwa das Mosaik Szenen aus dem Le­ ben der Völker der Sowjetunion des Malers Bert Heller im Eingangsbereich des Café Moskau, das von Heinrich Jungbloedt ausgeführt wurde. Auch zu einer in der zeitgenössischen Realität stark verwitterten und größtenteils zerstörten Arbeit der Keramikerin Regina Junge wird virtuell ein Bezug hergestellt. Für ihre Diplomarbeit an der Kunsthochschule Weißensee fertigte sie in der Werkstatt Hedwig Bollhagens Hohlkörperkeramiken an, die wie bunte Perlen aufgeschnürt in die Fächer einer nach Art eines offenen Regals konstruierten Betonwand eingelassen sind. Befreit von dieser Rahmung lassen die Medienkünstler für den AR-Knotenpunkt Junge Keramik Objekte wie Goldkegel, Wendelschnecke oder Purpurschale durch die Schillingstraße schweben. Die Frage, ob Spolien oder Dispens, ob Wiederverwertung in neuem Rahmen oder Befreiung, stellt sich auch bei der Facettenkugel des in der DDR wie der BRD tätigen Kunstschmieds, Metallbildhauers und Foto- grafen der Neuen Sachlichkeit Fritz Kühn. Ihre solide Erscheinung, die seit der Stilllegung des Café Moskau nur noch hinter Fenstern und Mauern zu erahnen ist, kann nun wieder in Übergröße auf der Freifläche davor in 3-D visualisiert werden.

Es ist unklar, ob Lynkeus, Lotse der „Argo“, ausgestattet mit dem Röntgenblick, die Amazonen auf der Schwarzmeer-Insel Aretias während ihrer Fahrt nach Kolchis wirklich erspähte, jedenfalls wagten es die Argonauten an manchen Küsten- abschnitten nicht, dort anzulegen – aus Angst vor diesen legendären Kriegerinnen. Eine Furcht einflößende, überlebensgroße Vertreterin des klein- asiatischen Nomadinnenvolks hat nun Lenins Kopf erbeutet und trägt ihn unter dem Arm quer über den Paradestreifen entlang der Karl-Marx-­Allee. Von 1970 bis 1991 stand auf dem heutigen Platz der Vereinten Nationen ein Leninmonument, dessen 129 Fragmente nach dem Abriss in einer Sandgrube bei Berlin-Müggelheim vergraben wurden. Der vier Tonnen schwere Kopf aus ukrainischem Rotgranit befindet sich seit 2015, getrennt vom Körper, in der Zitadelle Spandau, im äußersten Westen der Stadt – oder in der augmentierten Realität in den Fängen einer silberglänzenden Amazone.

Ob so vielschichtige Geschichten wie diese zu neuen Perspektiven führen, kann man im Bereich zwischen Rathaus Mitte und Kino International interaktiv debattieren. Hashtags und kurze Botschaften können im virtuellen Raum hinterlassen werden. Die dafür verwendete Schriftart ist inspiriert von den Außenschriften des Café Moskau und des Kino International, die der Gebrauchs­ grafiker Klaus Wittkugel 1963 entwarf.

Xenia Helms

Ethnologin und Künstlerin